Dionysos und die Satyre

Der Gott des Rausches

Die Begleiter des Weingottes in der griechischen Mythologie

Dionysos war der griechische Gott des Weines, des Rausches, der Ekstase, der körperlichen Lust und auch der Fruchtbarkeit: Letztlich ist er der Gott der Vegetation.
Dionysos’ Eltern waren Göttervater Zeus und die Sterbliche Semele (nach anderen Überlieferungen war eine Göttin der Erde seine Mutter). Zeus offenbarte sich Dionysos’ Mutter in seiner wahren Gestalt als Blitz und verbrannte sie. Da sie bereits mit Dionysos schwanger war, gebar Zeus Dionysos selbst, nachdem er den Säugling in seinem Schenkel eingenäht herumgetragen hatte. Die Nymphen von Nisa zogen Dionysos groß. Hera, Zeus’ Gattin, wollte den unehelichen Sohn aus Eifersucht aus dem Weg schaffen und ließ ihn rasend werden. Im Wahn irrte er durch die Welt, bis ihn in Indien die Göttin Kybele heilte. Auf seinen Reisen brachte er den Menschen den Weinanbau bei. Er verfiel nicht nur selbst dem Wahn, sondern konnte den Irrsinn auch als Fluch auf Menschen legen: So liefen auf seinen Zauber hin die Frauen im Reich des Königs Proitos, der sich gegen Dionysos aufgelehnt hatte, Amok: Sie fraßen sogar ihre eigenen Kinder auf.
Zugleich ist Dionysos der Schutzgott des Theaters - das griechische Drama entwickelte sich aus den Feiern zu seinen Ehren. Und er beherrscht im Wahn die Verständigung zwischen Lebenden und Toten. Bulle, Schlange und Leopard waren seine Tiere, der Efeu und die Weinrebe seine Pflanzen, der Penis sein Zeichen: Der Bulle steht für Fruchtbarkeit, die sich häutende Schlange für Wiedergeburt und der immergrüne Efeu für das Leben, das immer weitergeht.
Dionysos verkörpert sowohl die kultivierte Natur, den Weinanbau, wie auch die unkontrollierte Natur, die Raserei, die hemmungslose Lust, der auch das Töten kein Tabu ist. Beides steht in Wechselwirkung: Der berauschende Wein kann im Übermaß gefährliche Folgen haben - und wo das Leben am üppigsten wuchert, kommt der Tod auf die Welt. Eines seiner Tiere ist der Leopard, nach einer Interpretation symbolisiert das Fleckfell dieser Raubkatze den Sternenhimmel, weil Dionysos die zerstörerischen und schöpferischen Kräfte der Natur darstellt.

Satyre und Silene
Die Begleiter des Dionysos sind die Satyre, Zentauren und Silene: Die Satyre sind Ziegenmänner. Kentauren und Silenen sind Hengstmenschen. Sie sind alle männlich und animalisch. Die Satyre haben einen rohen Körper, eine Himmelfahrtsnase, Ziegenohren, ein Ziegenschwänzchen, Ziegenhörner und einen riesigen Penis. Die Silene haben einen Weinbauch, eine Glatze und den Schweif eines Pferdes. Sie betrinken sich, spielen Flöte und Sackpfeife und neigen zu derben Scherzen. Die lüsternen Kerle stellen den Nymphen nach, von denen sie geradezu besessen sind: Sie lieben Wein, Weib und Gesang. Trotz ihrer gefährlichen Späße verhalten sie sich aber scheu wie wilde Tiere, wenn Menschen sie bei ihren Feiern stören. Urplötzlich verstummt die Musik, und es ist, als hätte es das Flötenspiel niemals gegeben.
Manche Mythenforscher vermuten, dass die Silene die älteren Satyre sind und keine eigene Spezies. Die Gesichter der Silene und Satyre sind skurille Übertreibungen menschlicher Gesichter. In späteren Epochen der Antike werden die Satyre eleganter, wie die Faune erscheinen sie als erotisch verlockende Waldgeister und nicht mehr als lüsterne Rüpel. Vielleicht sind die römisch-italischen Faune auch Ableitungen der griechischen Satyre. Von den Faunen leitet sich der Begriff Fauna für die Tierwelt ab. In jedem Fall sind sie das passende Gefolge ihres Herrn Dionysos, ob in verfeinerter oder brachialer Form.
Die Satyre erschrecken die Menschen, vor allem Hirten, die Ziegen in den Bergen hüten. Oft lachen sie hämisch und stiften Verwirrung. Wer ihr Flötenspiel hört und an ihrem Tanz teilnimmt, wird wahnsinnig. Eine Erklärung dafür sind Bewusstseinszustände in der Höhenluft und die Wahrnehmung in Wachtraumzuständen, wenn Hirten ihre Tiere zwischen den Felsen oder aus dem Dickicht des Waldes beobachteten und dies mit Bildern von Menschen vermischten. Trotzdem wirken die Satyre nur halbwild: Ihr Tieraspekt ist der eines domestizierten Tieres, der Ziege.

Orgien
Die Feiern zu Ehren des Dionysos waren ausschweifend. Die Anhängerinnen des Gottes tanzten bis zur Ekstase; ihre dämonischen Entsprechungen bezeichneten die Griechen als Mainaden - die Rasenden. Der Begriff Manie erinnert noch an diesen Wortstamm. Vermutlich wurden die griechischen Götter anders verehrt als der uns bekannte Gott der monotheistischen Religionen. Sie stellen eher Muster dar, in deren Existenzformen Menschen sich hineinbegeben konnten. Deshalb eignen sie sich so gut für die moderne Beschreibung psychischer Zustände - bei Dionysos sind das die Lust, die Ekstase, die Triebe und das Ausleben dieser Triebe bis zum Tod.
Halluzinationen galten als Anzeichen für Dionysos’ Gegenwart. Das Essen von rohem Fleisch und exzessive Sexualität sollen Bestandteil der Feiern gewesen sein, dabei könnte es sich aber auch um spätere körperfeindliche christliche Propaganda handeln. Bestimmte Formen des Kultes scheinen eine sadomasochistische Komponente gehabt zu haben, in der das Erleiden von Schmerzen den Weg zum Gott öffnen sollte. Hier finden wir das Urbild des Hexensabbats aus den Hexenprozessen der frühen Neuzeit: Die Ankläger glaubten, dass sich die Hexen zum Sabbat mit dem Teufel und den Dämonen träfen, durch den Geschlechtsverkehr mit dem Teufel einen Teufelspakt eingingen und danach Schadenszauber wirken konnten. Hier spiegeln sich wie beim Negativ eines Fotos die dionysischen Fruchtbarkeitskulte - mit dem Unterschied, dass der Dionysos-Kult nicht negativ besetzt war.
Die griechischen Stadtstaaten der Antike waren jedoch keine Orte der permanent entfesselten Lust - die dionysischen Feiern ähnelten in ihrer Funktion unserem Karneval: Hier konnte oben unten sein, anschließend wusste keiner mehr so recht, was geschehen war. Und nach dieser Ekstase konnten die Menschen wieder an ihre Arbeit gehen. Der griechisch-römische Apollo verkörperte den Gegenpol zu Dionysos - dem Gott der Ekstase stand der Gott des nüchternen Maßhaltens gegenüber.

Nymphoman
Die griechische Mythologie ist also nicht nur Gottesdienst, sondern auch Psychologie der Antike. Viele ihrer Wesen tauchen als Begriffe in der modernen Medizin auf: Satyriasis ist ein Begriff des 19. Jahrhunderts für einen Mann mit krankhaft gesteigertem Geschlechtstrieb. Selbstbefriedigung, Faulheit, keine körperliche Arbeit oder Vererbung sollten angeblich Ursache dieser Störung sein. (...)

Utz Anhalt

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